TEL. 0201 230001, KETTWIGER STR. 2-10, 45127 ESSEN

Aktuelles

[Erbrecht]

Das gemeinschaftliche Testament und seine Tücken

23.06.2021

Das gemeinschaftliche Testament und seine Tücken

 

Das gemeinschaftliche Testament erfreut sich seit jeher größter Beliebtheit bei all denjenigen Eheleuten, die sich zunächst gegenseitig als Alleinerben einsetzen wollen und nach dem Tode des Letzten von ihnen die gemeinsamen Kinder zu Schlusserben einsetzen möchten (sog. „Berliner Testament“). Die Lösung klingt so einfach wie angemessen: Die Ehegatten wollen sich in erster Linie zunächst selbst abgesichert wissen – schließlich waren sie es, die das Vermögen erst geschaffen haben. Häufig anzutreffen ist auch die Vorstellung, es handele sich bei dem Vermögen der Ehegatten ohnehin stets um gemeinsames, was hinsichtlich vieler Gegenstände tatsächlich häufig zutreffen mag; viele Gegenstände werden zusammen angeschafft und etwa vom gemeinsamen Konto bezahlt, sodass regelmäßig jeweils hälftiges Eigentum erworben wird. Ein Automatismus ist das jedoch nicht. Jeder Ehegatte kann unabhängig vom Güterstand immer auch eigene Gegenstände und Rechte erwerben.

 

Die Tücken des gemeinschaftlichen Testamentes liegen jedoch im (häufig unausgesprochenen) Detail und haben bisweilen weitreichende Konsequenzen. Was viele Eheleute, die sich für ein gemeinschaftliches Testament entscheiden, nicht wissen, ist, dass dieses den überlebenden Ehegatten in der oben beschriebenen „klassischen“ Konstellation nach dem Tode des ersten von ihnen an die Schlusserbeneinsetzung nahezu unauflösbar bindet, auch wenn hierzu kein Wort im Testament steht. Der überlebende Ehegatte hat so nach dem Tode des ersten nicht mehr die Möglichkeit, anderweit zu testieren und so auf eventuelle Entwicklungen der als Schlusserben bedachten Kinder zu reagieren. Entwickelt sich eines der Kinder in der Folge dann nicht so, wie sich die Ehegatten dies bei Errichtung des Testamentes vorgestellt haben, bleibt es auch dann Schlusserbe, wenn der überlebende Ehegatte das Testament in dieser Hinsicht noch einmal ändert. Denn diese Änderung ist in aller Regel unwirksam. Zwar mag auch die Bindung des Überlebenden dem Willen vieler Ehegatten entsprechen. Immerhin soll z.B. kein neuer Partner des Überlebenden am Vermögen der Ehegatten teilhaben, etwa weil der Überlebende den neuen Partner statt der gemeinsamen Kinder zum Erben machen möchte. Gerade diesem Interesse lässt sich allerdings auf vielfältige andere Art und Weise Rechnung tragen, als durch die erbrechtliche Bindung eines gemeinschaftlichen Testamentes.

 

Zu teilweise absurden Ergebnissen führen gemeinschaftliche Testamente übrigens bei Patchwork-Familien. Denn in diesen Fällen ist es häufig Auslegungsfrage, ob der Überlebende wirklich vollumfänglich an das gemeinschaftliche Testament gebunden ist, wenn hierzu nichts im Testament geregelt ist.

 

Vor diesem Hintergrund ist es also auch in scheinbar einfach gelagerten Fällen der „klassischen“ Familie ratsam, für die Abfassung eines Testamentes zumindest ein Beratungsgespräch mit einem Rechtsanwalt oder Notar zu führen, um die individuellen Fallstricke zu vermeiden und den Willen der Ehegatten verlässlich zu regeln. Hierfür stehen wir Ihnen gern zur Verfügung.



zurück zu den Meldungen

Aktuelles

[Erbrecht]
Was ist zu beachten, wenn Minderjährige erben und welche Gefahren bestehen?
20.07.2021

[Erbrecht]
Das gemeinschaftliche Testament und seine Tücken
23.06.2021

[Arbeitsrecht]
Keine automatische Abfindung
19.05.2021

Urteile

[BGH]
Az. VII ZR 348/13
Urteil vom 02.06.2016

[OLG Celle]
Kostenvorschuss vor Abnahme beim BGB Bauvertrag
Urteil vom 11.05.2016

[BGH]
Bank muss bei Berechnung der Vorfälligkeitsentschädigung bestehende Sondertilgungsrechte voll berücksichtigen.
Urteil vom 19.01.2016

Rechtsgebiete